Straßer Vermögenskompass April 2026

Das Wichtigste in Kürze

Globale Märkte weiterhin angespannt
Höhere Inflation erwartet
Indizes seit Jahresanfang moderat im Minus

Aktuelles zum Markt

Ölschock am Golf: Die Straße von Hormus und ihre Folgen

Seit Ende Februar ist die Straße von Hormus – die mit Abstand wichtigste Ölpassage der Welt – durch iranische Militäraktionen de facto gesperrt. Täglich passieren normalerweise rund 20 Millionen Barrel Öl diese schmale Meerenge zwischen dem Iran und der arabischen Halbinsel, das entspricht etwa 20 % des weltweiten Ölhandels. Seit der Eskalation stecken rund 500 Tanker auf beiden Seiten der Meerenge fest, kein einziges Schiff durchquerte die Passage in der zweiten Kriegswoche ungehindert.
Die Folge: Der Brent-Ölpreis hat sich in wenigen Wochen nahezu verdoppelt und notiert aktuell bei über 113 US-Dollar je Barrel. Goldman Sachs hat seine Preisprognose für 2026 bereits auf 85 bis 126 Dollar angehoben – je nach Dauer der Blockade. Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt unter ihrem Direktor Fatih Birol vor der schwersten Energiekrise seit den Ölschocks der 1970er-Jahre. Bereits mehr als 40 Energieanlagen in neun Ländern wurden durch den Konflikt schwer beschädigt.

Die Grafik zeigt, wie unterschiedlich stark USA, Euro-Raum und Japan von einem anhaltend hohen Ölpreis getroffen werden. Solange der Konflikt schnell beigelegt wird und der Ölpreis unter 90 Dollar bleibt, sind die wirtschaftlichen Folgen überschaubar. Steigt er jedoch dauerhaft über 100 Dollar, trifft das Europa und Japan deutlich härter als die USA: Das Wirtschaftswachstum im Euro-Raum und in Japan würde mit –48 Basispunkten doppelt so stark einbrechen wie in den USA (–20 Bps), während die Inflation im Euro-Raum auf bis zu 100 Basispunkte zusätzlich ansteigen könnte. Der Grund liegt in der deutlich höheren Abhängigkeit Europas und Japans von importiertem Öl – ein Risiko, das die aktuelle Lage im Nahen Osten besonders brisant macht.

Hintergrund

Inflation und Zinsen: Was ein dauerhaft hoher Ölpreis wirklich bedeutet

Wenn der Ölpreis über Wochen und Monate auf einem hohen Niveau verharrt, verändert das die gesamtwirtschaftliche Lage grundlegend – und zwar weit über die Zapfsäule hinaus. Energie ist ein Vorleistungsgut, das in nahezu jede Wertschöpfungskette einfließt. Steigende Energiekosten erhöhen die Produktionskosten in der Industrie, verteuern den Transport von Waren und treiben die Preise für Lebensmittel in die Höhe, da Düngemittel und Landmaschinen energieintensiv sind. Die Folge ist eine breite, sektorübergreifende Preissteigerung – also klassische Inflation. Besonders kritisch wird es, wenn aus diesem Preisschub ein sogenannter Zweitrundeneffekt entsteht. Arbeitnehmer, die ihren Kaufkraftverlust ausgleichen wollen, fordern höhere Löhne. Unternehmen geben diese Lohnkosten wiederum als Preiserhöhungen weiter. Die Inflation beginnt sich selbst zu verstärken und löst sich von ihrem ursprünglichen Auslöser – dem Ölpreis. Genau dieses Szenario hat die Welt in den 1970er-Jahren erlebt, als die Ölkrise zu einer jahrelangen Stagflation führte: hohe Inflation bei gleichzeitig schwachem Wachstum.
Für die Europäische Zentralbank bedeutet das eine äußerst unangenehme Situation. Sie ist per Mandat zur Preisstabilität verpflichtet – und wenn die Inflation nachhaltig über ihr Ziel von 2 % steigt, muss sie handeln. Das bedeutet: höhere Zinsen oder zumindest das Aussetzen geplanter Zinssenkungen. Die Märkte haben diese Erwartung bereits eingepreist. Höhere Zinsen verteuern Kredite für Unternehmen und Privatpersonen, bremsen Investitionen und belasten insbesondere Wachstumswerte an der Börse.

Unsere Einschätzung

Der Iran-Krieg ist kein kurzfristiges Marktgeräusch – er ist ein ernstzunehmender Stresstest. Ein dauerhaft hoher Ölpreis würde die Inflation zurückbringen, die Notenbanken zum Handeln zwingen und das Wachstum bremsen. Wie lange dieser Zustand anhält, hängt maßgeblich davon ab, ob die Straße von Hormus in den nächsten Wochen wieder geöffnet wird.

 

Wertentwicklung der wichtigsten Indizes

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